Rotlicht am Telefon

10.09.2010 23:00

„Bitte, für Sie, Frau Dokta, jede Menge Werbung und een paar Briefe obendruff. Hoffentlich keene Rechnung. Kleener Scherz am Rande“, schwatzt die Postbotin drauflos. Dabei drückt sie der Chefin den Papierstapel in die Hand, wischt sich mit ihrem Unterarm eine frühsommerliche Schweißperle von der Stirn und macht kehrt. „Adschö, ooch, Frau Dokta, bis nächstet Mal.“ Renate Lorenz stopft den ganzen Haufen Post, ohne ihm auch nur die geringste Beachtung zu schenken, mit Wucht in den zwischen Bergen von Karteikarten platzierten und eh schon überquellenden, grauen Aktenständer, von dem sich Chefsekretärin Lotti im letzten Augenblick mit einem ebenso gewagten wie behänden Satz ins Waschbecken gegenüber gerade noch mal rechtzeitig entfernen kann. Zwei, drei Briefe und einige bunte Flyer jedoch geraten in akute Schieflage und rutschen auf den braunen Fliesenboden direkt neben meinen voll bepackten Schreibtisch. Einer davon, anspruchsvoll in seiner Vier-Farb-Hochglanz-Aufmachung mit üppiger Bebilderung und hochwertiger Fotoauswahl in seriöser Profi-Qualität, erregt ihr spontanes Interesse. Das Wort „Seelsorge“ prangt in großen Lettern auf selbigem, und es scheint um die professionelle, psychologische Betreuung von Menschen zu gehen, deren Tier verstorben ist und die, unter diesem Verlust sehr leidend, Hilfe benötigen. Unbürokratisch, direkt und offen von Mensch zu Mensch. Dick steht dort auch eine Telefonnummer, an die sich wenden kann, wer seinem Kummer und seiner Not Luft machen möchte, gut sichtbar auf der Broschüre.

„0900“, summt Renate Lorenz ganz leise vor sich hin und bei dieser Vorwahl ist ihrer gekrausten Stirn anzumerken, dass sie nicht nur interessiert, sondern auch neugierig geworden ist. Mitten in der Vormittagssprechstunde! Sie nimmt ihr mobiles Telefon zur Hand, tippt die vollständige Nummer ein und wartet, mit der rechten Pantine an ihrem Fuß rhythmisch auf den Fliesenboden klappernd, während das gesamte Praxisteam wie gebannt an ihren Lippen hängt. Dann wird die kleine Zornesfalte, die sich zwischen ihre Augenbrauen gelegt hat, noch tiefer. Auffällig spannt sich ihr Rücken, und ihre Schulterblätter scheinen sich fast auf der Mitte zu treffen, um Applaus zu schlagen, während ihre Ohren der Farbe Rot bis Feuerrot ausgesprochen nah sind. „Ist ja unglaublich!“, zischt es in einer hochexplosiven Ladung aus ihr heraus und nicht nur ihre Ohren sind jetzt ganz rot. „Ist ja 'ne Nutte, die Dame! Feine Dienste, die die da anbietet. Jetzt stellt euch mal vor, ich hätte 'nen Aushang von dieser lüsternen Bordsteinschwalbe gemacht und den Edel-Flyer am Schwarzen Brett gehabt und Oma Schulze aus der Siedlung ruft da an! Nicht auszudenken: Seelsorge – und das mit ihrem schwachen Herzen ...“ Wir jedenfalls können uns jetzt kaum noch halten vor Lachen, prusten los, dass uns die letzten, verbliebenen Kuchenkrümel im Halse stecken zu bleiben drohen. Ja, das ist wirklich unglaublich! Unglaublich taktlos, dreist und ohne jede Pietät. Aber eine Geschäftsidee, die jedem angesagten Call-Center Konkurrenz machen dürfte, die ins Ohr und in weitaus tiefere Regionen in Hüftnähe geht und darüber hinaus so wohl noch nicht da gewesen ist – das mal zum Thema „einfallslose Jungunternehmer von heute stellen nichts mehr auf die Beine“. Diese kreative, liebestolle Dame mit der zuckersüßen, sinnlichen Säuselstimme – nennen wir sie Chantal, Jacqueline oder Veronique – beweist ganz im Gegenteil, was in ihr steckt, und ist sich des Kapitals ihrer überlangen Beine – mit rotem Strumpfband und einem Hauch von Nichts als Negligé – durchaus bewusst!

Renate Lorenz jedoch reicht dieses Wissen um den begehrlichen, ungezügelten Einfallsreichtum eines jungen, mit Leidenschaft betriebenen Start-up-Unternehmens nicht. Zielsicher greift sie noch einmal zum Telefon, und wir fragen uns zweifelnd: „Will sie sich anlegen oder will sie ein wolllüstiges Date im Rotlicht?“ Und während wir schon insgeheim Wetten abschließen, tippt die Chefin energisch eine neue Nummer in die Tasten. Sie ist kurz. Drei Ziffern nur und dann lässt sie sich durchstellen und die frechen Ponysträhnen mit einem verwegenen Blick auf uns zurückstreichend: „Ist immer gut, wisst ihr, wenn man einen echten Freund und Helfer kennt!“ Der meldet sich bereitwillig am anderen Ende und lässt sich die erotisch-wolllüstige Sachlage in epischer Breite schildern und verspricht, auch gleich mal vorbeizuschauen (in der Praxis, versteht sich!) und sich den „pietätvollen“ Hochglanz-Prospekt in der edlen Vier-Farb-Ausführung anzusehen, um Chantal, Jacqueline oder Veronique in fleischlicher Offenbarung sodann einen Besuch der etwas anderen Art abzustatten. Mit „Staatskarosse“ und frisch aufgebügeltem, grünem Jackett ganz nobel – und ganz ohne Rotlicht! Eher blau! Der Romantik halber!

 

 

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