Frau Lorenz und das liebe Vieh

15.11.2015 08:43

Tierstation von Katrin Lange: Frau Lorenz und das liebe Vieh


Foto: Amin Akhtar

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Tierärztin Renate Lorenz in ihrer Praxis in Lichterfelde mit ihrem Eichelhäher Hans. Den Vogel hat sie wieder gesund gepflegt

Die Klingel an der Haustür ist kaum zu hören. Sie wird von Muc-Muc übertönt. Der 14 Jahre alte Mischlingshund, der wie ein Wolf aussieht, ist der selbst ernannte Sicherheitsbeauftragte. Er bellt, sobald einer das Grundstück betritt. "Viermal hat er schon Einbrecher verjagt", sagt Renate Lorenz. Soll heißen: Muc-Muc ist der Chef, er darf alles. Die Tierärztin steht in der Tür, der Hund knurrt neben ihr nur noch leise und lässt sich streicheln. Suri kommt dazu, ein roter Kater, und schleicht um die Beine. Im Hintergrund kräht Koi, der Hahn, der nach den Karpfen benannt ist, weil er so schön bunt ist. Und oben, in der ersten Etage, zwitschert schon ganz aufgeregt Pieps, ein kleiner Spatz.

Die Tiere haben alle eins gemeinsam: Sie wurden gefunden, abgegeben, oft verletzt, meist zu klein, um allein überleben zu können. Renate Lorenz hat sie in ihrer Tierarztpraxis in Lichterfelde-Süd aufgepäppelt. Eigentlich vermittelt sie die Tiere wieder, wenn sie gesund sind oder wildert sie aus. Doch einige schaffen den Sprung in die Freiheit nicht mehr oder können sich auch nicht mehr an neue Besitzer gewöhnen. Die bekommen dann ihr Gnadenbrot in dem Haus am Oberhofer Weg. Entstanden ist ein kleiner Privatzoo, in dem derzeit etwa 50 Tiere leben, darunter ein Eichelhäher, ein Igel, viele Mäuse, einige Hühner, Papageien, Kanarienvögel, Rotkehlchen, Schildkröten und eine bissige Ratte, die die Besitzer nicht mehr haben wollten und die nun in ihrem Käfig ein Handtuch als Hängematte hat.

Angefangen hat es mit kleinen Vögeln und Mäusen

Seit 30 Jahren betreibt die gebürtige Altenburgerin (Thüringen), die in Leverkusen aufwuchs und in Berlin Veterinärmedizin studierte, ihre Tierarztpraxis. Das Jubiläum wird am Mittwoch, 18. November, ab 16 Uhr, im Festzelt im Vorgarten groß gefeiert. Angesagt haben sich Vertreter des Bezirksamtes, der Tierarztkammer, der Freien Universität und der Tierklinik Düppel.

Für den offiziellen Besuch gibt es einen guten Grund. Es ist eine besondere Tierarztpraxis. Die Sprechstunden machen nur einen Teil der Arbeit aus, mit dem Renate Lorenz ihre zweite Aufgabe finanziert: Sie betreut Fund- und Wildtiere. Dafür ist sie mittlerweile eine bekannte Adresse. Aus ganz Berlin werden ihr Tiere gebracht, auch die Polizei, der Postbote oder die Männer von der BSR bringen Kaninchen und Katzen in Pappkartons, aus dem Nest gefallende Vögel oder Eichhörnchen. Zu den Patienten gehörten aber auch schon ein Schwein, Marder, Eulen, ein Affe, ein Waschbären, ein Nasenbär und ein Faultier. Mehr als Tausend Tiere hat sie in den vergangenen Jahrzehnten betreut.

Zuerst hat Renate Lorenz Vögel gerettet, die aus dem Nest gefallen waren

Mit kleinen Vögeln, die aus dem Nest gefallen waren, fing es vor 30 Jahren an, die hat sie zuerst großgezogen. Es kamen kleine Mäuse dazu. Eine wurde ihr sogar von einer Katze gebracht, sie lebte noch und wurde wieder gesund. Füchse folgten, Katzen, Hunde. Erst kürzlich hat ein gesund gepflegter Mäusebussard wieder das Haus verlassen.

Während die Tierärztin erzählt, sitzt Suri neben ihr auf der Bank. Der Kater mit dem gepflegten roten Fell wurde mit zwei gebrochenen Vorderpfoten gebracht. Jetzt springt er wieder flink die Treppen hoch und runter.

Katze Olga ist die Älteste unter den Tieren der Ärztin

Neben der Bank steht ein Körbchen, darin ruht Olga. Die 18-jährige Perserkatze stammt von einer Russin, die verstorben ist. "Das ist die Älteste hier, die nimmt keiner mehr", sagt Renate Lorenz. Olga maunze ständig, sie sei eine Nervensäge, sagt sie und es klingt so nett wie ein Kompliment. Das Tier ist dement, es vergisst, dass es gerade gefressen hat. Sobald sich jemand in die Küche begibt, springt es auf und miaut, weil es denkt, dass Essenszeit ist. Das kann auch im Minutentakt geschehen. Muc-Muc hat sich auf dem Teppich ausgestreckt. Er stammt aus Rumänien, wo er, gerade zehn Tage alt, in einem Pappkarton ausgesetzt wurde. Den Flug überstand er im Handgepäck.

Hans, der Eichelhäher, lebt hier neben Pieps, dem Spatz

Pieps, der kleine Spatz, der mittlerweile ruhig auf seiner Stange sitzt, war aus dem Nest gefallen. Die Tierärztin hat ihn in einem kleinen Käfig aufgezogen und dann eine Voliere bauen lassen. Doch Pieps war unglücklich. Er wollte nicht raus, sondern seinen kleinen Käfig in der Küche bewohnen, in dem er aufgewachsen war. Darin sitzt er heute wieder und baut sich gern ein Nest aus Katzen- und Hundehaaren. Und dann ist da noch Hans, der Eichelhäher. "Das ist ein richtiger Innenarchitekt", sagt Renate Lorenz. Denn Hans räume gern den Schreibtisch in der Praxis auf. Ein Obdachloser aus der Wagenburg in der Wuhlheide hat Hans gefunden und gebracht. Fliegen kann er nicht mehr, deshalb wird er auch "der Fußgänger" genannt. Wenn die Tierärztin am Schreibtisch arbeitet, sitzt er auf ihrer Schulter. Für sie ist klar: "Hans bleibt bei mir in der Praxis, er ist mein Assistent."

Eine Katze hat der Tierärztin einst das Leben gerettet

Warum sie das macht? Diese Frage kommt Renate Lorenz komisch vor. "Man kriegt eine Menge zurück, die Tiere und auch die Menschen sind so dankbar", sagt sie. Erst kürzlich hat sie erlebt, wie ein kranker Kater aus der Narkose auf dem Schoß seines Frauchens aufwachte. Beide waren so glücklich, sich wiederzuhaben. Doch eigentlich wurde ihr die Tierliebe nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich in die Wiege gelegt. Sie habe als Baby die Augen aufgemacht und als erstes eine Katze angesehen, erzählt sie. Die lag immer mit in ihrem Bettchen.

Genau diese Katze habe ihr das Leben gerettet. Weil ihr immer kalt gewesen sei, hätte sie ein Heizkissen mit im Bettchen gehabt. Als die Nässe aus den Windeln nach außen drang, fing es an zu brennen. Daraufhin sei die Katze aufgesprungen und habe die Eltern geholt. Deshalb überlegt sie nicht bei der Frage, welches Tier sie am liebsten mag. Es sind die Katzen mit ihrem Eigensinn.

Im Internet gibt es ein Video aus der Tierarztpraxis

Manchmal kommen Kindergartengruppen oder Schulklassen zu ihr zu Besuch. Dann erzählt sie ihnen vom Schicksal der Tiere und die Kinder dürfen sie streicheln. Bei Papagei Pepi können sie etwas ganz Besonderes erleben: Er gibt ganz brav und wohlerzogen die Kralle, wenn der Besucher "Guten Tag" sagt.

Kontakt

Tierarztpraxis Dr. Renate Lorenz

praxis@tier-arzt.berlin

Oberhofer Weg 68
12209 Berlin - Lichterfelde
neue Webseite:
http://www.tier-arzt.berlin

Berlin: 711-63-57
Telefon: + 49 (030) 711 63 57

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